Design

Design ohne Haltbarkeitsdatum

6 min.

Wie sollte ein Gegenstand gestaltet sein, damit wir ihn gern lange behalten? Und wie können Kunststoffe zu nachhaltigem Design beitragen? Das erklärt der Designhistoriker Professor Klaus Klemp im Interview.

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Designer haben es in der Hand, wie schnell wir Dinge wieder wegwerfen. Etwa weil sie unpraktisch sind, weil sie kaputtgehen, weil das Material verschleißt oder weil wir uns einfach daran sattgesehen haben. Aber Wegwerfen ist nicht mehr zeitgemäß.

Das Bewusstsein für Nachhaltigkeit hat alle Lebensbereiche erfasst. Deshalb achten Produktdesigner und -designerinnen heute stärker auf die Schonung von Ressourcen. Sie verwenden biobasierte oder recycelte Materialien und entdecken bewährte Werkstoffe neu. Damit einher geht die Rückbesinnung auf eine reduzierte Formensprache und materialsparende Gestaltung.

Als großes Vorbild dafür gilt der Industriedesigner Dieter Rams. Er formulierte zehn Thesen zu gutem Design, die von jüngeren Designern aufgegriffen und im Sinne einer nachhaltigen Produktgestaltung erweitert werden. Über diese Entwicklung und über Kriterien für langlebiges Design hat PLEXIGLAS® mit dem Designhistoriker Professor Klaus Klemp gesprochen.

Herr Professor Klemp, warum werden manche Gebrauchsobjekte zu Designklassikern, die Menschen auch noch Jahrzehnte später gefallen?

Ich möchte kurz ausholen, um die Frage zu beantworten. Der kanadische Philosoph und Medienwissenschaftler Marshall McLuhan unterscheidet zwischen „kalten“ und „heißen“ Medien. Ein „kaltes“ Medium ist eines, in das sich der Rezipient stark selbst einbringen muss. Zum Beispiel Cool Jazz – Musik, die sehr reduziert ist, bei der man sozusagen im Kopf mitarbeiten muss. Und auf der anderen Seite gibt es „heiße“ Medien, etwa Operetten oder Kinofilme, von denen man sich einfach mittragen lassen kann, ohne die Fantasie zu bemühen.

Auf Design übertragen, sind „heiße“ Medien die vielen schönen bunten Dinge, die uns überwältigen und begeistern. Aber irgendwann sind wir sie leid, weil wir nicht selbst daran partizipieren. Ein sehr reduzierter Gegenstand, der sehr gut proportioniert ist, die richtige Form hat und aus den richtigen Materialien besteht, erlaubt es dagegen, die eigenen Empfindungen einzubringen.

© Andreas Baier

Prof. Dr. Klaus Klemp
(geboren 1954 in Dortmund) ist Diplom-Designer, Design- und Kunsthistoriker und Kurator für Design am Museum Angewandte Kunst in Frankfurt am Main. Er unterrichtete an verschiedenen Hochschulen Designgeschichte, zuletzt an der HfG Offenbach. Er ist ein Experte für das Design von Dieter Rams.

Dieter Rams

wurde 1932 in Wiesbaden geboren und gilt als einer der einflussreichsten Industriedesigner der vergangenen Jahrzehnte. Rams hat seit den 1950er Jahren über 350 Produkte für Braun und Vitsœ entworfen – unter anderem die legendäre Radio-Phono-Kombination SK 4 von 1956, die wegen ihrer transparenten Abdeckung aus PLEXIGLAS® als „Schneewittchensarg“ bekannt wurde.

Können Sie Beispiele für Produktdesign nennen, das diese Kriterien besonders gut erfüllt?

Dieter Rams und die anderen Designer bei Braun haben das sehr früh verstanden. Darum haben die von ihnen gestalteten Produkte eine lange visuelle Haltbarkeit. Sie sind nicht simpel, sondern in ihrer Form reduziert. Sie sind auch nicht nur weiß, grau oder schwarz, denn Dieter Rams hat mit Bedacht farbige Akzente gesetzt.

Zum Beispiel beim Taschenrechner ET66, den er 1987 zusammen mit Dietrich Lubs entworfen hat. Einen Taschenrechner braucht heute eigentlich kein Mensch mehr, weil jedes Smartphone diese Funktion hat. Trotzdem wird die Neuauflage dieses Braun-Taschenrechners immer noch gekauft, weil er auf dem Schreibtisch so schön aussieht – und er ist ja auch praktisch.

Es ist die hohe Kunst des Designs, diese Langlebigkeit bei Industrieprodukten zu erreichen, die uns täglich umgeben.

© medvedzky.kz / shutterstock.com

Beobachten Sie eine Rückbesinnung auf Dieter Rams’ Leitsatz „Weniger, aber besser“?

In den 80er und 90er Jahren, auf dem Höhepunkt der Postmoderne, war das Design von Dieter Rams nicht so interessant für junge Leute. Aber seit zehn, fünfzehn Jahren nehme ich wahr, dass bei den jüngeren Studierenden wieder ein großes Interesse an dieser Art der Gestaltung besteht.

Liegt es daran, dass nun die „Generation Nachhaltigkeit“ an den Hochschulen angekommen ist?

Dieser Generation ist klar, dass sie es ausbaden muss, wenn wir so weiterleben wie bisher und weiter so viel CO2-Emissionen und Müll produzieren. Hinzu kommt: Der Do-it-yourself-Trend mit dem ganzen Gebastel ist vorbei. Angehende Designerinnen und Designer wollen wieder vernünftige Produkte mit einer gewissen Haltbarkeit entwerfen.

Zehn Thesen von Dieter Rams

Gutes Design …

  1. ist innovativ.
  2. macht ein Produkt brauchbar.
  3. ist ästhetisch.
  4. macht ein Produkt verständlich.
  5. ist unaufdringlich.
  6. ist ehrlich.
  7. ist langlebig.
  8. ist konsequent bis ins letzte Detail.
  9. ist umweltfreundlich.
  10. ist so wenig Design wie möglich.

Das finde ich sehr gut, denn diese Generation gestaltet unsere Zukunft. Und sie muss sich in den Unternehmen einbringen und für ihre Positionen kämpfen. Denn wenn die Unternehmensleitung das Prinzip der gestalterischen Nachhaltigkeit nicht versteht und mitträgt, können auch Designer oder Techniker nichts ausrichten.

Derzeit ist überall von „nachhaltigem Design“ die Rede. Aber was bedeutet das eigentlich?

„Nachhaltigkeit“ ist ein Modewort geworden. Es gibt ja kaum noch eine Firma, die nicht behauptet, dass ihre Produkte nachhaltig sind. Das verwässert die Bedeutung. Wenn man mit diesem Begriff im Design arbeitet, sollte man die Nachhaltigkeit auch belegen können und nicht nur einem allgemeinen Trend folgen.

Im Design ist Nachhaltigkeit ein sehr altes Thema. 1909 hielt der Architekt Adolf Loos, ein Wegbereiter der modernen Architektur und des Designs, einen Vortrag mit dem polemischen Titel „Ornament und Verbrechen“. Darin gibt es einen treffenden Satz zur Nachhaltigkeit, er lautet sinngemäß: „Die Form eines Gegenstandes halte so lange, das heißt, sie sei so lange erträglich, wie der Gegenstand physisch hält.“

Aber nicht immer nutzen wir Dinge so lange, wie sie halten …

In dem Satz von Adolf Loos steckt eine bedeutende Unterscheidung, denn nicht alles muss gleich nachhaltig und nicht alles muss gleich zeitlos sein. Die Nutzungsdauer ergibt sich aus der Funktion. Das hat Loos am Beispiel von Mode und Einrichtungsobjekten verdeutlicht: Ein Ballkleid muss nur eine Nacht lang halten und schön aussehen. Aber wenn ein Schreibtisch nur kurze Zeit überdauert, weil er schlichtweg nicht mehr erträglich ist, dann ist das Geld verloren.

„Visuelle Haltbarkeit ist eine große Herausforderung für Produktgestalter.“

Designhistoriker Prof. Dr. Klaus Klemp

© Benoit Daoust / shutterstock.com

Also ist das Aussehen ein wichtiger Aspekt von Langlebigkeit und damit auch von Nachhaltigkeit. Aber was ist mit den Materialien? Wie lassen sich etwa Kunststoffe damit vereinbaren?

Die Haltbarkeit von Kunststoffen war natürlich auch schon früher bei Braun ein Thema, zumal viele weiße Kunststoffe damals noch schnell vergilbten. Das Unternehmen arbeitete intensiv mit Partnern aus der Chemie zusammen, um länger haltbare Kunststoffe verarbeiten zu können. Ein Beispiel ist die Saftpresse Citromatic (MPZ 22), die seit 40 Jahren nahezu unverändert produziert wird. Sie hat übrigens eine transparente Abdeckung aus PLEXIGLAS®. Und selbst alte Exemplare von damals sind heute noch in einem guten Zustand.

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Nicht vergilben, nicht verspröden. Wenn diese Kriterien erfüllt sind, kann ein Kunststoff nachhaltig sein?

Sicher, auch ein Kunststoff kann als Werkstoff sehr zukunftsfähig sein. Das Problem sind ja vor allem die Einwegkunststoffe, die weggeworfen werden.

Wir werden ohne Kunststoffe nicht auskommen, denn wir können ja nicht alles mit Holz herstellen. Aber man kann die Erwartung an die Kunststoffhersteller richten, nachhaltige und recycelbare Materialien zu entwickeln. Ich gehe davon aus, dass die jüngere Generation der Chemiker nicht anders denkt als die jungen Designer. Auch sie haben ein Umweltbewusstsein und den Anspruch, Dinge länger haltbar zu machen.

PLEXIGLAS® proTerra für nachhaltiges Design

Die neue Produktfamilie PLEXIGLAS® proTerra beinhaltet circa 90 Prozent wiederverarbeitetes Acrylglas – und überzeugt mit der bewährten Markenqualität des Originals. Das Plattenmaterial ist schwarz und farblos erhältlich.

PLEXIGLAS® proTerra

PLEXIGLAS® hat sich bei Dieter Rams’ legendärem „Schneewittchensarg“ und bei anderen bekannten Designobjekten bewährt – nicht zuletzt, weil es nicht vergilbt. Zudem ist es recycelbar. Welche Rolle könnte es auch in Zukunft als Werkstoff für langlebiges Design spielen?

Das Material ist spannend wegen seiner Transparenz und wegen seiner Robustheit. Es ist ein inspirierender Gedanke, ob man Produkte auch heute wieder mit Transparenz für ihr Innenleben gestalten könnte – so wie den „Schneewittchensarg“. Wir besitzen ja immer mehr Dinge, die eigentlich Black Boxes sind: Es gibt keine gestaltbare Oberfläche, sie haben keine Bedienknöpfe mehr, sondern Sprachsteuerung. Auch ein Smartphone ist so eine kleine Black Box. Vielleicht wäre dann vieles in unserem Leben ein bisschen durchsichtiger.

„Schneewittchensarg“ mit PLEXIGLAS®

Die von Dieter Rams und Hans Gugelot entworfene Radio-Phono-Kombination SK 4 von Braun aus dem Jahr 1956 wird wegen ihrer transparenten Abdeckung aus PLEXIGLAS® auch „Schneewittchensarg“ genannt. Dies war das erste technische Gerät im Wohnzimmer, das seine Technik nicht versteckte. Alle anderen Musiktruhen damals waren aus Holz. Der SK 4 war ein sehr moderner Plattenspieler, der perfekt zum modernen Wohnungsbau der Zeit passte.

© Röhm GmbH – Acrylic Products

Radikal modernes Design

Seinen Durchbruch hatte er 1957 auf der IBA, der Internationalen Bauausstellung in Berlin. Dort waren viele Musterwohnungen mit dem SK 4 ausgestattet. Die modernen Architekten waren begeistert, denn dies war die einzige Radio-Phono-Kombination, die der Haltung der modernen Architektur entsprach. Bei den Händlern war das Modell nicht so leicht durchzusetzen. Aber als sie den SK 4 auf der IBA bei führenden Architekten wie Walter Gropius sahen, stellten sie ihn doch in ihre Schaufenster.

© Röhm GmbH – Acrylic Products

Circular Design Guidelines von Stefan Diez (* 1971)

Ein gutes Produkt …

  1. bleibt lange nützlich.
  2. kann repariert werden.
  3. lässt sich als System gestalten.
  4. besteht aus nachwachsendem oder recycelbarem Material.
  5. verbraucht während Herstellung, Lebensdauer und Recycling so wenig Energie wie möglich.
  6. lässt sich effizient und platzsparend transportieren.
  7. ist innovativ und faszinierend.
  8. wird von vielen benutzt.
  9. wird unter fairen Arbeitsbedingungen hergestellt, gewartet und recycelt.
  10. ist so wenig Produkt wie möglich.

Dann würde man vielleicht auch erkennen, ob etwas im Innern kaputt ist, statt zu überlegen, wie sich das Gehäuse überhaupt öffnen lässt.

Ja, die Reparaturfähigkeit von Geräten ist auch ein aktuelles Thema und ein weiterer Aspekt von nachhaltigem Design. Hersteller müssen aber erstmal wieder bereit sein, Dinge so zu produzieren, dass man sie einfach aufschrauben und reparieren kann. Wenn man ein Elektronikgerät wegwerfen muss, weil es nicht reparierbar ist, und dann für 500 Euro schon wieder ein neues kaufen muss, ist das nicht nachhaltig.

Mit Produktdesign nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip ließe sich das vermeiden, weil jede Komponente ausgetauscht werden kann und in den Wertstoffkreislauf zurückkehrt.

Cradle-to-Cradle ist aktuell ein ganz großes Thema, auch bei Designern. Das wird sich zwar nicht zu 100 Prozent durchsetzen, aber schon ein gewisser Grad an Wiederverwendung wäre eine sehr große Hilfe. Dieses Umdenken hat bereits eingesetzt.

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